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Schüler aus dem Rhythmus
von Corinna Schöps
http://www.zeit.de/archiv/2002/29/200229_b-schulmusik.xml
Musizieren fördert das Lernen und verbessert das
Klima in der Schule. Doch ausgerechnet am Musikunterricht wird
gespart. Pädagogen fürchten, dass dieser Trend durch die Diskussion um
die Pisa-Studie noch verstärkt wird
Was wäre das Leben ohne Musik? Doch ausgerechnet
dort, wo für das Leben gelernt werden soll, findet sie kaum noch
Widerhall: An deutschen Schulen steckt der Musikunterricht in der
Krise. Zwar ist das Fach auf allen Stundentafeln vertreten, werden
Kultusminister nicht müde, seine besondere Bedeutung zu betonen,
spielen zur Weihnachtszeit die Schülerensembles auf. Doch bei näherer
Betrachtung zeigt sich, dass die Musik im Klassenzimmer zu einem
kümmerlichen Beiwerk zu verkommen droht.
Die Dissonanz drückt sich in besorgniserregenden
Zahlen aus. "Bis zu 80 Prozent des vorgesehenen Musikunterrichts
werden entweder gar nicht oder durch fachfremde Lehrer erteilt", sagt
Niels Knolle, Vorsitzender des Arbeitskreises Musikpädagogische
Forschung. In Bayern wählen 90 Prozent der Hauptschüler das Fach in
der 7. Klasse ab. Und in Hamburg belegten zwischen 1998 und 2001
gerade mal 127 von 44 300 Gymnasiasten Musik als Leistungskurs. Dabei
stehen die Gymnasien in dieser Schadensbilanz noch am besten da. An
den Grundschulen dagegen sei die Lage "absolut katastrophal", sagt
Hans Bäßler, Musikpädagoge in Hannover und Vorsitzender des Verbands
Deutscher Schulmusiker (vds).
Doch wie passt die schwindende Resonanz der
Schulmusiker zu der pädagogischen Einsicht, dass Musizieren in der
Schule für allerhand "Transfereffekte" sorgt - etwa ganz prinzipiell
das Lernen fördern und soziale Konflikte mildern kann? Und wie passt
der Niedergang in der Schulpraxis zusammen mit einem Aufbruch in der
Musikpädagogik, den es "seit den zwanziger Jahren nicht mehr gegeben
hat", wie Jürgen Terhag schwärmt, Dekan an der Kölner Musikhochschule
und Vorsitzender des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS).
Überfordert vom Viervierteltakt
Der Ruck war überfällig. Denn die Krise des
Faches Schulmusik ist zu einem guten Teil hausgemacht. Das beginnt bei
den Musikhochschulen, die sich als Inseln reiner Kunst betrachten,
pädagogische Fragen als Deklassierung verstehen und so häufig an den
Erfordernissen der Schule vorbei ausbilden. Einen Anteil tragen auch
die Studierenden, die oft jahrelang instrumentale Spezialvorlieben
kultivieren und später auf Schüler treffen, deren musikalischer
Horizont von HipHop bis HipHop reicht. Das führt dazu, dass die
Burn-out-Rate unter Musiklehrern "deutlich höher als bei Lehrern
anderer Fächer ist", wie Bäßler weiß. Den Rest besorgen Pädagogen, bei
denen die Schüler nicht auf die Pauke hauen dürfen, sondern Referate
über Popmusik halten oder den Quintenzirkel aufsagen sollen.
Zu lange hätte "man sich täuschen lassen durch
das Vorhandensein einer Alibi-Elite", kritisiert Wolfgang Gönnenwein,
der Vorsitzende des Deutschen Musikwettbewerbs. Während einige wenige
Jungstars bei Wettbewerben wie "Jugend musiziert" brillieren, ist das
Musikmachen aus den Schulstunden weitgehend verbannt. Denn in den
sechziger Jahren wurde der Musikunterricht auf ein Übermaß an Theorie
und Analyse getrimmt, was Musikpädagogen wie Hans Bäßler für den "Tod
des Musikunterrichts" halten.
Doch nicht nur die Irrwege der Disziplin haben
die Baisse des Fachs befördert. Einen entscheidenden Beitrag leisteten
Ministerien, die mit rigider Einstellungspolitik und der Schließung
von Ausbildungsgängen den Nachwuchs bundesweit so erfolgreich
dezimierten, dass nun kaum noch welcher da ist. Als besonders
unheilvoll hat sich die schulpolitische Praxis erwiesen, Musik als
Konkurrenzfach zur Kunst einzurichten und damit Jugendliche "vor die
ästhetische Entscheidung zwischen Blindheit und Taubheit zu stellen",
wie es der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian formuliert.
Zu allem Überfluss kommt nun auch noch Druck
durch die Diskussion um die Pisa-Studie. Da sehen Fachleute wie
Norbert Heukäfer, Musiklehrer und Landesvorsitzender des vds Hessen,
eine erhebliche Gefahr heraufziehen: "Schon seit Jahren werden an den
Schulen die Stunden für die Hauptfächer aufgestockt und dafür
künstlerischer Unterricht abgebaut. Nun glauben die Verantwortlichen
für diesen Trend auch noch, dass Pisa sie in ihrem Tun bestätigt."
Dass diese Strategie falsch ist, zeigt sich dort,
wo in der tristen Schulmusiklandschaft Lichtpunkte aufscheinen. Zum
Beispiel an der Baltic-Gesamtschule in Lübeck-Buntekuh, gelegen in
einem sozialen Brennpunkt am Südrand der Hansestadt. Hier empfängt
Musiklehrer Lars Dembowski die Schülerinnen seiner 5. Klasse
gelegentlich mit den Worten: "Na, habt ihr euch wieder geschlagen oder
vertragen?" Neuerdings vertragen sie sich eher; da habe "das
regelmäßige musikalische Zusammenspiel in den letzten Monaten schon
einiges verändert", meint Dembowski.
Streit entsteht an diesem Tag höchstens darüber,
wer Schlagzeug spielen darf. Kaum hat Dembowski zwei Schlägel in die
Hand genommen, ist die Truppe fast nicht mehr auf den Stühlen zu
halten. "Die wollen alle so gern", erzählt der Musiklehrer später,
"aber sie können kaum." So viele motorisch schwach entwickelte Kinder
wie in diesem Jahrgang hat er noch nie aus der Grundschule übernommen.
Viele Zehnjährige sind offenbar nicht mehr dazu fähig, einen
Viervierteltakt nachzuklatschen (also das, was der Bierzeltbesucher
auch nach Mitternacht noch hinbekommt). Das kleine Opus, das die
Lübecker 5. Klasse dann binnen 45 Minuten zustande bringt, überrascht
umso mehr: 22 Glockenspiele, Bassdrum, ein EBass und der Lehrer am
Klavier - der Zuhörer befürchtet das Schlimmste. Doch am Ende klingt
es richtig schön.
Die Geheimnisse eines erfolgreichen Unterrichts
hat Dembowski schnell aufgezählt: "Musiktheorie und Reflexion stehen
nicht für sich, sondern ergeben sich aus der musikalischen Aktion. Die
Kinder sollen selbst erfinden und lernen, einander zuzuhören." Solche
Lehrmethoden machen offenbar möglich, was andernorts kaum noch
vorstellbar ist: Musik ist an der Gesamtschule in Lübeck-Buntekuh
außerordentlich beliebt, Abwahl des Fachs überhaupt kein Thema.
Dort, wo Musikunterricht gelingt, sind die
Erfahrungen der Pädagogen stets die gleichen: Kinder, die miteinander
musizieren, fühlen sich nicht nur wohler - sie lernen auch mehr. Das
belegen zwei Langzeitstudien, die eine an Berliner Grundschulen, die
andere in 50 Schweizer Schulen. Bei beiden Versuchen musizierten die
Kinder intensiv im Klassenverband zusätzlich zum normalen Unterricht
oder, wie in der Schweiz, sogar unter Verzicht auf je eine Stunde in
Mathematik, der Muttersprache sowie einem weiteren Hauptfach. Den
Leistungen hat das nicht geschadet, häufig sogar genutzt
Therapie für Gameboy-Kinder
Als auffälligstes Ergebnis jedoch werten die
Fachleute, dass Kinder aus musikbetonten Klassen am Ende viel
sozialfähiger und weniger aggressiv waren. "Die mögen sich zunehmend
mehr und integrieren Außenseiter wesentlich besser", erzählt Maria
Spychiger, die den Schweizer Schulversuch wissenschaftlich begleitet
hat. Das meinte wohl auch [der frühere] Innenminister Otto Schily, als
er den ... gern zitierten Satz aussprach: "Wer Musikschulen schließt,
gefährdet die Innere Sicherheit."
Durch das Spiel mit den schönen Tönen wird nicht
nur der Toleranz aufgeholfen. Wie Hans Günther Bastian, Leiter der
Berliner Studie, feststellte, lässt sich zudem "ein Mehrwert an
außermusikalischen Merkmalen wie Intelligenz, Kreativität,
Konzentration und emotionaler Stabilität" nachweisen. Zwar könne man
keine simple Kausalbeziehung herstellen, nach dem Motto: "Jeder, der
mal auf 'ner Flöte herumbläst, wird gleich intelligenter." Doch die
positiven Nebenwirkungen des Musizierens sind nicht von der Hand zu
weisen.
Eine geradezu therapeutische Funktion, da ist
sich die Fachwelt einig, kommt dem Musikunterricht auch in Bezug auf
die massiven Bewegungsdefizite der Generation Gameboy zu. Musikmachen
fördert in hohem Maße motorische Fähigkeiten. Bevor etwa an der
Erich-Kästner-Schule in Hannover der Musikunterricht aufgestockt
wurde, erzählt Hans Bäßler, "stand zweimal in der Woche der
Unfallwagen auf dem Schulhof" - und zwar nicht nur, weil sich die Kids
dort häufig eins auf den Kopf gaben, sondern "weil sie inzwischen so
ungeschickt sind, dass sie sich immer gleich was brechen, wenn sie mal
geschubst werden".
Auf dem Spiel steht also mehr als das
Blockflötenmenuett bei der Einschulungszeremonie, wenn das Fach Musik
zunehmend aus den Schulen verschwindet. Doch wenigstens die Fakultät
hat den Handlungsdruck nun erkannt. Die allfälligen Missstände in
Ausbildung und Unterrichtspraxis werden von den Musikpädagogen nicht
mehr nur beklagt, sondern auch angegangen.
Die Musikhochschulen in Hamburg und Hannover
haben die Akzente bei der Aufnahmeprüfung und in der Ausbildung ihrer
Schulmusiker deutlich verschoben - weg vom Primat des künstlerischen
Hauptfaches hin zur Praxis des Unterrichtens. Bundesweit laufen
Programme an Universitäten oder in Lehrerfortbildungsinstituten, um
fachfremden Lehrern ein wenig Rüstzeug für den Musikunterricht
mitzugeben oder nachzureichen.
Auch bei den Musiklehrern setzt ein Umdenken ein.
Vortöner favorisieren etwa das Klassenmusizieren, bei dem die gesamte
Gruppe ein Streicher- oder Bläserensemble bildet. Dass solch ein
klingendes Schulmusikleben bisher noch Ausnahmecharakter hat, kann
nicht allein an fehlenden Mitteln liegen. "Wenn die Musiklehrer nicht
nur jammern, sondern anpacken, kommt auch das Geld von Sponsoren oder
Eltern hinterher", verspricht Asmus Hintz, Generaldirektor bei Yamaha
und Professor an der Hamburger Musikhochschule. Auch sein Kölner
Kollege Jürgen Terhag glaubt, dass sich ein stark praxisorientierter
Unterricht durchsetzen wird. "Heute wird auf Fachkongressen nicht mehr
diskutiert, ob so etwas überhaupt möglich ist", sagt Terhag, "sondern
nur noch, wie man es am besten macht."
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